Tierische Freunde!

Täglich Gutes tun – eine Geschichte von Katja Lührs

Der kleine Bär lag unter seinem Traumbaum – der uralten Eiche – im Halbschatten und döste lautstark vor sich hin. In seinem sich sehr real anfühlenden Traum lag er auf einer riesigen weißen, duftigen Feder und schwebte mit vielen bunten Schmetterlingen und Bienen hoch hinaus durch die Lüfte, dem blauen Himmel entgegen. Leise, fast zart, hörte er den Wind, und es fühlte sich an, als habe dieser nur für ihn ein kleines Liedchen gesungen und gepfiffen. Die Geräusche wurden plötzlich etwas lauter, und seine Feder, die sich wie ein warmes, weiches Bett anfühlte, schaukelte etwas stürmischer hin und her. Sein ganzer Körper kitzelte ihn in diesem Augenblick, sehr angenehm. Dieses Kribbeln fühlte er sogar in seinen großen, braunen Bärenfüßen. „Wie bombastisch ist das denn?“, überlegte er gerade in seinem Traum, als er von einer hellen, aufgeregten Hasenstimme nicht gerade sachte aus seinem schönsten aller Träume geweckt wurde. Nun rüttelte und schüttelte der kleine vorwitzige Hase mit dem Namen Joni auch noch an seinem in vielen Brauntönen changierenden dichten Fell. „Kleiner Bär, he, he, he, wach auf, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Eine Grille habe ich auch schon zirpen gehört. Du willst doch nicht den ganzen lieben Tag nur hier rumliegen und vor dich hin pennen?“ Der kleine Bär öffnete erst langsam das rechte Auge, um seinem linken Auge noch etwas Zeit zu lassen, sich an das strahlende Sonnenlicht zu gewöhnen. Joni war ihm buchstäblich auf die Pelle gerückt. Er hörte sein aufgeregtes schnelles Ein- und Ausschnaufen sowie weitere Wortfetzen und sah Jonis Hasengesicht ganz dicht über dem seinen. Augenblicklich war er hellwach und sprang ruckartig auf seine braunen, stämmigen Bärenbeine. „Uijuju, was ist passiert? Wo und wie kann ich helfen?“ Er rieb mit beiden Tatzen seine noch müden, bernsteinfarben leuchtenden Augen und blinzelte Joni ungläubig an. „Passiert ist nichts! Überhaupt auch schon gar nichts! Was soll auch passiert sein? Oder kannst du mir etwas Neues verraten, was passiert ist oder sein könnte?“ „Papperlapapp, warum weckst du mich aus meiner Tiefschlafphase? Ich lag noch vor sieben Sekunden bequem und so weich auf einer unglaublich schönen, mächtigen, himmlischen Feder und bin durch die Lüfte gesurft. Dann tauchst du kleiner Wirbelwind auf – mit viel Krach und Getöse – und verklickerst mir, es geht um nichts? Wow, dass muss sich erst mal jemand trauen! Oder hast du, wie fast jeden Morgen, wieder dein Dichter- und Denker-Programm in deinem Kleinhirn abgerufen? Mein wunder-wunderschöner Traum ist jetzt dahin. Zu gerne hätte ich noch mein Reiseziel erfahren! In welches ferne Land mich die Zauberfeder getragen hätte! Morgens sind mein Träume besonders intensiv und ausdrucksstark und begleiten mich den ganzen Tag über mit großer Freude. Gestern saßen wir noch alle hier oben unter unserer alten Eiche und haben mit den Schmetterlingen den fantastischen Sonnenuntergang bewundert. Du erinnerst dich Joni?“ „Ja, ja, das war toll!“ „Richtig, und dir kleiner Springinsfeld ist bekannt, dass ich morgens noch etwas vor mich hinträumen möchte. Richtig! Und, hallo, ich finde es überhaupt nicht prickelnd, dass du mich mindestens dreimal in der Woche aus meinen fantasievollen Träumen weckst! Noch dazu wegen nichts!“

„Ups, Entschuldigung! Bitte! Nein, fünf, sieben, neun Entschuldigungen. Aber du bist so klug und weise und ich muss dir unbedingt von meinem Traum erzählen. Diesen hatte ich mitten in der Nacht! Es war stockdunkel um mich herum, nur der Mond glitzerte vor sich hin und …“ „Joni, bitte, komm zügig zur Sache, sonst verlierst du wieder total den Faden – wie schon oft passiert – und weißt am Ende nicht mehr, was du eigentlich Wichtiges erzählen wolltest!“ „So, so, wirklich, neige ich zum Fädenverlieren? Aber ich finde sie doch immer wieder. Oder?“ Der kleine Bär brabbelte unwirsch, leicht genervt und unverständlich in seinen dichten Bart. „Also, dann mal los“, motivierte sich Joni und hüpfte aufgeregt noch näher zum kleinen Bären. Anschließend trommelte er mit seinen beiden Pfoten quicklebendig auf seinem Minikugelbauch herum und schmetterte los: „Ich habe im Traum gedichtet!“ „Was, schon wieder ein Gedicht? Unglaublich, deine Kreativität scheint keine Grenzen zu kennen!“ Der kleine Bär wischte sich noch den Restschlaf aus seinem linken Auge und schaute voller Bewunderung in Jonis Hasengesicht. „Was für ein frecher, kreativer, witziger und kluger Kopf dieser Winzling-Hase Joni doch ist“, überlegte er still, voller Liebe vor sich hin.

© Viviane Wagner

„Also hör zu!“, sagte Joni. „Also, ich bin heute Morgen aufgewacht und habe meinen Körper richtig fit gemacht. Mich gedehnt, gepfiffen und gelacht. Getanzt, gesungen, mich im Kreis gedreht und lauter Unsinn gedacht.“

„Aha, so, so“, brummte der kleine Bär und an welchen Stellen reimt sich das?“ „Na hör mal, das ist doch mehr als nur deutlich: aufgewacht, gelacht, fit gemacht und lauter Unsinn gedacht! Mehr Reim geht doch fast nicht mehr! Mein Gedicht geht ja noch weiter, also: meinen Kopf nach links und nach rechts gedreht und dann hat es klick, klack und knack gemacht und das Knack hat mich auf eine Idee gebracht!“

„Da kann man mal sehen, wo man hinkommt, wenn man so drauf ist wie du!“ Der kleine Bär kratze sich mit einer seiner Tatzen an seinem Ohr. Dann nahm er seine zweite dazu und rubbelte und kratzte weiter auf seiner Stirn, kam zu seinem Hals und ohne große Umwege runter zu seinem Bauch. Dieser machte sich bemerkbar mit lauten gluckernden Geräuschen. Spontan wollte sein Bauch klarstellen, dass jetzt eigentlich ein Futterplatz gesucht werden sollte und es Zeit war für ein ausgiebiges Frühstück. Der kleine Bär ignorierte das und setzte seine Kratzarie an anderen Körperteilen fort. Nun schaltete sich sein Denkapparat, sein Gehirn, ein und er brummte laut: „Joni, dein Gedicht ist nicht ohne, aber mit Sicherheit noch ausbaufähig. Vielleicht kommst du mit deinem interessanten Vers noch einmal an einem anderen Tag zu mir. Um Himmels willen, nicht mehr so früh morgens! Weiter, wenn du siehst, dass ich tief und fest schlafe, dann bitte störe mich nicht und lass mich meine Träume zu Ende träumen.“ „Da kann ich ja unter Umständen lange warten? Aber was ist, falls du mal einen Albtraum hast? Dann bin ich doch dein Retter in größer Not!“ „Ich habe keine Albträume, nur morgens, wenn ich kurz wach werde und fürchten muss, du tauchst gleich wieder vor mir auf und schüttelst mich durch, wie einen Ast im Wind.“

„Nein, nein, mein Gedicht ist fix und fertig. Sozusagen: alle! Aber meine Zeilen haben mich auf eine Idee gebracht!“ „Was für eine Idee?“ „Du erinnerst dich, dass es in meinem Reim ‚klick, klack und knack‘ gemacht hat?“ Der kleine Bär schnüffelte in Richtung Joni und sein Bärengesicht glich einem großen Fragezeichen. „Mmmmmm“, er war für einen kurzen Augenblick überhaupt nicht bei der Sache und überlegte, warum der kleine Kerl immer so verdammt gut riecht? Nach frischen Gräsern und Blumen, erst dann stellte er Joni die Frage: „Mein Name ist Neugier, was für eine bahnbrechende Idee du mir jetzt noch oben drauf zu bieten hast?“ „Zur Idee komme ich gleich, aber erst zu meiner Feststellung!“ „Was? Feststellungen hast du außer Ideen und Gedichten auch noch so früh auf deine langen Hasenhinterbeine gestellt? Ich bin platt wie eine Flunder! Habe zwar noch keine gesehen, aber auf jeden Fall bin ich jetzt platt, platter, am plattesten über deinen enormen Einfallsreichtum.“ „Also, nochmals, als es bei meinen Dehnübung knack gemacht hat, habe ich festgestellt, dass ich rundum voller Liebe, Gesundheit, Glück, Freude, Zufriedenheit und – ganz wichtig – Dankbarkeit bin! Ja, ich bin sehr dankbar für mein Leben, und alle meine großen und kleinen Freunde lieben mich. Selbstverständlich liebe ich sie auch! Dich kleiner Bär ganz besonders und das wollte ich dir unbedingt an diesem wunderschönen, sonnigen, warmen Morgen heute in deine hinreißenden Ohren flüstern. Ich liebe dich unendlich, einmal um die Welt herum, wie du immer so treffend sagst, und zurück! Das bedeutet: unendlich. Das ist, wie ich finde, eine richtig enorm wichtige Feststellung!“

„Wow, ich nehme alles zurück, was das Wecken anbelangt, bei so viel Liebe kannst du mich ruhig immer und zu jeder Zeit wachrütteln – ganz egal, wann und wo“, brummte der kleine Bär hocherfreut. Jetzt bin ich froh, dass du mich geweckt hast. Denn diesen herrlichen Sommertag möchte ich nicht verdösen, sondern ganz im Hier und Jetzt genießen.“ Er schaute liebevoll auf Joni und tätschelte zärtlich seinen kleinen Hasenkopf. Kaum zu glauben, wenn man den kleinen Bären oft in seiner Tollpatschigkeit sah, wie zärtlich, zart und liebevoll er sein konnte.

„Danke! Schlappohr sagt immer zu mir: ‚Joni, du bist klein, aber flink und fein und immer zur rechten Zeit am richtigen Ort, und du bist rundum ein knackiger Typ!‘ Stimmt das?“ Seine Stupsnase kräuselte sich in viele kleine Falten und in diesem Moment sah er noch niedlicher aus – zum Knutschen. „Da muss ich überhaupt nicht überlegen, natürlich stimmt das!“ „Juhuuuuuuuuuu, das Leben ist einzigartig. Also genieße ich es jede Sekunde, Minute und Stunde. Selbstredend auch Monat für Monat und jedes Jahr. Und ich habe noch so viel Zeit und möchte noch so viel Gutes tun und erleben!

Genauso ist es“, untermalte er seine morgendlichen Ausführungen. „Heute, bei Sonnenaufgang, hatte ich nicht nur mein Super-Gedicht auf Lager und die bombastische Feststellung, sondern auch noch die grandiose Idee!“ „Aha, so, so, jetzt kommt deine Idee?“ Der kleine Bär stand mal wieder auf seiner Leitung zu seinem Gehirn. „Du hast doch gerade angedeutet, dass wir viel mehr Gutes tun sollen. Was wäre, wenn wir – du und ich sowie alle Hasenfreunde, aber auch die Vögel im Wald, die Igel, Rehe, Hirsche, kurzum jedes Lebewesen im Wald – täglich Gutes tun würden? Wir machen ein Spiel daraus und erzählen uns jeden Abend beim Sonnenuntergang unter unserer alten, wunderbaren Eiche, was wir täglich erreicht haben. Wo wir helfen konnten.“

„Wir nennen das Spiel: ‚Täglich Gutes tun!‘“, sagte Joni. „Was hältst du von einer guten Tat jeden Tag?“, philosophierte der kleine Bär. Er verwarf den Gedanken aber sofort wieder und hatte eine neue Idee: „Was du heute kannst mit einer guten Tat besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen!“ Jetzt war es Joni, der sich am Kopf kratzte und fragte: „Ist das nicht ein bisschen lang? Du sagst doch immer: ‚In der Kürze liegt die Würze!‘“ „Stimmt, und wo du recht hast, hast du recht. Wir bleiben bei deiner ersten Idee und nennen unser Spiel: ‚Täglich Gutes tun!‘“

© Anne Duchêne

„Danke, dass finde ich klasse von dir! Damit ist alles gesagt! Täglich bedeutet, jeden Tag daran denken und auch handeln! Gutes tun, da versteht sowieso jeder gleich, um was es hier geht. Es können ja auch viele gute Taten täglich sein.“ „Richtig, Hauptsache, man tut es,“ so der kleine Bär.

„Mensch Meier! Da haben es die Bienen leicht, sie fliegen von Blüte zu Blüte und tun so sehr viel Gutes für die Natur – hundertmal jeden Tag, außer im Winter, da ruhen auch sie. Sie bestäuben sehr fleißig die Blüten. Und wir können dann vor allem im Sommer und Herbst die Früchte ernten und essen.“ „Übrigens, Joni, das tun die Schmetterlinge auch! Selbstverständlich auch die Wespen und Käfer! Und was kannst du oder was kann ich täglich Gutes tun? Hast du da schon einige Ideen?“

„Richtig, viele, viele und noch mehr Gedanken“, konterte Joni und sein Stimmchen überschlug sich förmlich. „Wenn es regnet, dann kommen fast alle, oder viele, Regenwürmer aus dem Waldboden und einige verirren sich manchmal dorthin, wo sie nicht mehr in die Erde zurückkönnen. Dann rette ich sie und bringe alle zurück dorthin, wo der Boden weich ist und sie sich wieder verkriechen können.“ Der kleine Bär schaute voller Liebe auf Joni und nahm ihn beschützend in seine Arme. Dann hob er ihn in die Luft und drehte sich einmal im Kreis voller Lebensfreude. „Liebe geben, ob in Gedanken, Worten oder Taten, das können wir täglich tun!“ „Und wie“, juchzte Joni. „Klar doch, ich denke jeden Tag mehrfach voller Liebe an meinen Lieblingsbaum, den ganzen Wald, alle meine Freunde, und ich helfe, wo ich nur kann.“ Äußerst behutsam setzte er seinen Hasenfreund Joni wieder auf die Wiese. „Das stimmt, kleiner Bär, du bist einfach klasse und noch dazu ein richtig kluger Kumpel und Herzensfreund. Ui, da fällt mir ein, ich suche sofort – mit anderen Worten – blitzschnell Schlappohr.“ „Warum?“ „Er gibt doch jeden Morgen allen jungen Hasenkindern Unterrichtsstunden. Wenn ich ihm verklickere, wie wichtig es ist, die Kleinen für diese wunderbare Idee zu begeistern, dann …!“ „Was ist dann?“ „Dann wird später, wenn sie etwas größer sind, diese Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und die Liebe überall in unserem Wald zu spüren sein. Mehr noch, viele Tiere gehen auf Wanderschaft und werden das Gelernte in die große, weite Welt tragen.“ „Wow, auf der ganzen Welt sind dann alle rücksichtsvoll, helfen und freuen sich, wenn es dem anderen gut geht! Das meinst du doch! Nicht auszudenken, was das für diesen wunderbaren Planeten Erde bedeutet.“ „Ja“, so Joni, „wenn man liebt, tolerant und rücksichtsvoll ist, dann sieht man die Welt mit anderen Augen und geht respektvoll mit der Natur um.

„Tschüssssss!“ Er sprang blitzschnell auf und hoppelte im Zickzackkurs die Wiese herunter, die bunt voller Blumen im Sonnenlicht leuchtete. Der kleine Bär stutzte ganz verdattert. Der Abschied kam ihm doch etwas plötzlich vor. Joni mit seinem feinen, sensiblen Gespür stoppte kurz, drehte sich um und rief: „Ich komme gleich mit Schlappohr zurück und dann frühstücken wir zusammen und wir bringen dir auch einige Möhrchen mit und dann bekakeln wir genau unser Super-Spiel ‚Täglich Gutes tun‘.“ Und schon war er weg.

 

 

Katja Lührs ist nicht nur eine bekannte Moderatorin und Künstlerin, sie schreibt und malt auch wunderschön. Zudem liebt sie Tiere, die Natur und die Umwelt!

Deshalb engagiert sich Katja schon seit mehr als 20 Jahren zusammen mit PETA für die Rechte der Tiere.

Sie ist ein Vorbild, denn sie lebt und liebt ihr tierfreundliches Leben an jedem Tag.

Mehr Informationen: www.katjalührs.com