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"Der Junge und der Hund" von Paul Maar.

Seite 2


Er mußte darauf achten, daß immer genug Fressen für den Hund da war. Er mußte ihm das Fressen und etwas zu trinken geben.
Mindestens zweimal am Tag mußte er mit ihm spazierengehen, damit der Hund genügend Auslauf hatte. Er mußte den Hund ab und zu bürsten und von Zeit zu Zeit baden.

Aber er tat alles wirklich gern, und es war eigentlich mehr ein Vergnügen als eine Arbeit. Der Junge erzählte den Kindern aus seiner Klasse von dem Hund. Und immer öfter kamen am Nachmittag andere Kinder bei ihm vorbei, um sich den Hund anzusehen, und blieben dann, um mit dem Jungen zu spielen. Einige von ihnen wurden richtige Freunde. Sie luden ihn zu sich nach Hause ein, oder sie spielten alle zusammen Hockey mit selbstgebastelten Hockeyschlägern. Manchmal auch Fußball, aber eigentlich spielte der Junge lieber Hockey.

Nach vier Wochen kam es zum erstenmal vor, daß der Junge vergessen hatte, das Futter für den Hund zu kaufen.
Er kam ganz erhitzt vom Hockeyspielen nach Hause, warf den Hockeyschläger auf seinen Schrank, legte sich aufs Bett, stellte das Radio an und hörte Musik.
Seine Mutter kam ins Zimmer und sagte: «Du mußt endlich den Hund füttern, er hat noch gar nichts gefressen.»
«Ach, ich lieg gerade so schön. Gibst du ihm mal was?» fragte der Junge.
«Na, ausnahmsweise», sagte die Mutter und ging in die Küche. Gleich darauf kam sie wieder und fragte: «Wo ist denn das Hundefutter? Die Dose ist leer.»
«Mensch, ich hab vergessen, eine neue zu kaufen», sagte der Junge schuldbewußt und stand auf. «Ich geh ganz schnell zum Supermarkt und
hol eine.»
«Bring gleich mehrere mit, als Vorrat», rief ihm die Mutter nach. Der Junge horte es nicht mehr. Es hätte aber auch nichts genutzt, wenn er es gehört hätte. Denn als er beim Supermarkt ankam, war schon längst geschlossen.
Sie gaben dem Hund Haferflocken, an denen der Hund mißmutig kaute.

Am nächsten Tag, gleich nach der Schule, kaufte der Junge Hundefutter.
Aber zehn Tage später kam es ein zweites Mal vor, daß er das Futter vergessen hatte, und der Hund bekam als Ersatz ein Wurstbrot.
«Du mußt besser daran denken», sagte sein Vater.
«Weißt du, Papa, ich habe jetzt so viele Freunde und bin mit denen
zusammen, und da vergeß ich’s eben mal», sagte der Junge.
Am übernächsten Tag war es schon fast dunkel, als der Junge nach Hause kam.
«Du kommst aber sehr spät», sagte seine Mutter. «Der arme Hund war den ganzen Nachmittag in deinem Zimmer. Ich hatte zu tun, sonst wär ich mit ihm rausgegangen.» «Du mußt wenigstens noch eine Viertelstunde mit ihm Gassi gehen», sagte der Vater, der schon zu Hause war. «Wo bist du denn so lange gewesen?» «Ich war bei meiner Freundin eingeladen, die hat heute Geburtstag gefeiert», sagte der Junge. «Ich geh gleich raus mit ihm. Ich will nur noch eben schnell in mein Heft schauen.»
«Hast du denn deine Hausaufgaben noch nicht gemacht?» fragte die Mutter entsetzt.
«Wir haben gar nichts auf», sagte der Junge. «Warum mußt du dann ins Heft schauen?» fragte der Vater.
«Wir schreiben morgen eine Klassenarbeit. Ein Diktat» erklärte der Junge. «Und das sagst du erst jetzt? Da müssen wir doch üben», rief die Mutter. «Bring mir mal gleich dein Heft!»
«Ich sehe schon, daß ich jetzt mit dem Hund rausgehen muß“, sagte der Vater ärgerlich, nahm den Hund an die Leine und ging.
«Dabei muss ich den ganzen Tag stehen im Betrieb und habe mir meine Ruhe eigentlich verdient.»

Am nächsten Tag, gleich nach dem Mittagessen, sagte die Mutter:«Heute achte ich aber darauf, daß du gleich mit dem Hund rausgehst. Sonst bist du plötzlich wieder weg, und der Hund kommt erst abends ins Freie. Oder Papa muß ihn wieder ausführen.»
«Och», sagte der Junge. «Geht’s nicht in einer Stunde? Ich hab jetzt keine Lust, ich wollte was spielen.»
«Nein», sagte die Mutter bestimmt. «Du gehst jetzt!»
Gerade als der Junge dem Hund das Halsband umgelegt hatte, klingelte es. Es war ein Freund. «Kommst du mit? Heute nachmittag gibt’s ’nen Chaplin-Film im Jugendhaus» sagte er. «Wir müssen uns beeilen, es fängt um drei an!»
«Klar!» sagte der Junge.
«Nein!» sagte die Mutter. «Ich muß darauf bestehen: Du gehst jetzt
mit dem Hund Gassi!»
«So 'ne Gemeinheit», protestierte der Junge. «Jetzt, wo der Chaplin- Film gespielt wird.»
«Du kannst den Hund ja mitnehmen», sagte die Mutter.
«Nein, das geht nicht», sagte der Freund. «Hunde darf man nicht mitbringen ins Jugendhaus.»
«Siehst du!» sagte der Junge.
«Dann muß dein Freund heute eben allein gehen. Im Jugendhaus ist ja zweimal in der Woche Kino», sagte die Mutter. «Dann gehst du eben das nächste Mal.»
«Muß das sein?»
«Es muß! Heute ist es der Film, morgen bist du schon wieder zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, und übermorgen spielt ihr wahrscheinlich Hockey…»
«Nein, Fußball», sagte der Freund.
«Na, siehst du», sagte die Mutter. «Man kann einen Hund nicht den
ganzen Tag in eine Hochhauswohnung sperren. Du gehst jetzt mit ihm
spazieren.»
Der Junge machte die Leine am Halsband fest, ging mit seinem Freund und dem Hund zum Aufzug und fuhr hinunter.
«Und wenn du deinen Hund einfach vor der Haustür festbindest?»
schlug der Freund vor. «Nach dem Kino kannst du ihn ja wieder abholen.»
Der Junge überlegte. «Nein, das geht nicht», meinte er schließlich.
«Du mußt allein gehen.»
«Ich erzähl dir den Film», rief sein Freund und rannte zum Jugendhaus.
Der Junge nahm die Leine fest in die Hand und trottete mißmutig hinter dem Hund über den Rasen. Der Hund entdeckte eine Katze auf der anderen Straßenseite und stürmte bellend los. Durch den plötzlichen Ruck wurde dem Jungen die Leine fast aus der Hand gerissen, er stolperte.
«Du blöder Hund, bleib stehen!» rief er. Und dann noch einmal: «Blöder Hund.»
Es war das erste Mal, dass er seinen Hund beschimpft hatte.

«Der Hund stinkt», sagte der Vater am Samstagnachmittag.
«Der Hund stinkt sogar sehr. Wann ist er eigentlich zuletzt gebadet worden?»
«Ich weiß nicht», antwortete der Junge. «Das ist schon zu lange her.»
«Dann wird es höchste Zeit!»
«Jetzt?» fragte der Junge. «Ich kann doch den Hund jetzt nicht baden, wo gleich die Sportschau kommt.»
«Seit wann interessiert dich eigentlich die Sportschau?», fragte die Mutter. «Die hast du dir doch früher nie angesehen.»
«Aber seit ich Fußball spiele», erklärte der Junge stolz. «Jetzt versteh' ich was davon.»
«Na gut, dann schau mit mir die Sportschau an», sagte der Vater.
«Aber danach wäschst du den Hund.»
«Danach?» rief der Junge. «Aber dann kommt doch im Zweiten Programm…»
«Der Hund wird heute gewaschen, und damit basta!» sagte der Vater ziemlich laut. «Wenn du den Hund nicht haben willst, können wir ihn ja wieder verkaufen. Ich war sowieso gegen das Tier.»
«Ich will ihn ja!» sagte der Junge, ließ Wasser in die Badewanne laufen und badete den Hund.

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