

Es war einmal ein Junge, der wohnte mit seinen Eltern im elften Stock eines Hochhauses. Die drei wohnten noch nicht lange im Hochhaus, vorher hatten sie in einer Altbauwohnung in einer anderen Stadt gewohnt. Aber dann war der Vater hierher versetzt worden.
Weil der Junge noch nicht lange im Hochhaus wohnte, kannte er noch keine anderen Kinder. Weil er keine Freunde hatte, langweilte er sich. Deswegen saß er oft vor dem Fernsehgerät. Der Empfang war auch besonders gut, weil die Fernsehantenne auf dem Dach des Hoch hauses so hoch oben war.
Eines Nachmittags, als er sich gerade «Lassie» im Fernsehen angeschaut hatte, drehte er den Fernseher aus und sagte:
«Mutti, ich möchte so gern einen Hund haben!»
«Wie bitte?» fragte seine Mutter, die ihn nicht verstand, weil sie im Nebenzimmer staubsaugte.
«Ich möchte einen Hund haben», wiederholte er lauter.
«Bitte, schenk mir zum Geburtstag einen Hund!»
«Aber das geht doch nicht», sagte seine Mutter, stellte den Staubsauger ab und kam zu dem Jungen ins Zimmer.
«Das mußt du dir aus dem Kopf schlagen, das ist ganz unmöglich!»
«Wieso?» fragte der Junge.
«Es gibt tausend Gründe. Der Hund macht die ganze Wohnung schmutzig. Er zerkratzt die neuen Türen und den Teppichboden.
Außerdem bellt er, und das stört die Nachbarn. Wahrscheinlich sind Hunde im Hochhaus sowieso nicht erlaubt. Bestimmt sogar.»
Weil der Junge nichts mehr dazu sagte, glaubte die Mutter, er hätte seinen Wunsch aufgegeben.
Aber am nächsten Tag kam er von unten und sagte triumphierend:
«Ich hab den Hausmeister gefragt. Man darf Hunde halten. Kauft ihr mir jetzt einen zum Geburtstag?»
«Aber Kind», sagte die Mutter. «Das geht nicht. Ich hab’s dir doch gestern schon erklärt.»
«Wieso nicht?» fragte der Junge.
«Sieh mal: Wenn wir einen jungen Hund kaufen, dann ist er doch noch nicht stubenrein. Dann macht er auf den Teppich, und ich hab die Arbeit und muss die Bescherung wieder wegmachen. Dazu habe ich keine Lust.»
«Dann kaufen wir eben einen alten Hund», sagte der Junge.
«Ein alter Hund gewöhnt sich nicht mehr um. Der ist an seinen Herrn gewöhnt. Außerdem: Was sollen wir dem Hund überhaupt zu fressen geben? Es geht nicht. Sprich heute Abend mit Papa darüber, der wird dir erklären, warum das nicht geht.»
Als der Vater zu Abend gegessen hatte und gerade den Fernseher anschalten wollte, sagte die Mutter:
«Es gibt noch etwas zu besprechen!»
«Was denn?» fragte der Vater. «Hat der Junge irgendwelche Schwierigkeiten in der Schule?»
«Sag’s ihm selbst», forderte die Mutter den Jungen auf.
«Ich möchte so gern einen Hund haben», sagte der Junge. «Schenkt ihr mir einen Hund zum Geburtstag? Dann hätte ich jemanden, mit dem ich spielen könnte, am Nachmittag. Dann…»
«Nein, du, das geht nicht. Das geht leider nicht», sagte der Vater.
«Wünsch dir lieber etwas anderes. Ein Hund – das geht nicht!»
«Wieso?» fragte der Junge.
«Ein Hund braucht Auslauf», sagte der Vater. «Man kann einen Hund nicht in eine Hochhauswohnung sperren. Da geht er ja ein. Wenn wir ein Haus mit einem Gärtchen hätten, wo der Hund den ganzen Tag draußen sein könnte, würde ich dir sofort einen kaufen.»
«Aber ich kümmere mich doch um den Hund», sagte der Junge.
«Ich gehe jeden Tag ein paar Stunden mit ihm spazieren. Dann hat er Auslauf!» «Das sagst du jetzt», meinte der Vater. «Aber später gibt es Streit, wer den Hund auf die Straße führen muß.»
«Niemals», sagte der Junge. «Das macht mir doch Spaß. Dann muß ich mich nicht mehr so entsetzlich langweilen. Dann habe ich wenigstens eine Beschäftigung: Futter kaufen für den Hund, den Hund spazierenführen, ihm zu trinken geben…»
«Und was sollen wir mit dem Hund machen, wenn wir in den Urlaub fahren?» fragte der Vater.
«Ihn mitnehmen», sagte der Junge.
«Nach Italien?» fragte der Vater. «Wo soll er denn dort bleiben? In der Pension?Und wie bekommen wir ihn überhaupt über die Grenze?»
«Dann bleibt er halt solange hier», sagte der Junge.
«Bei wem?»
«Weiß ich auch nicht.»
«Na, siehst du!»
«Ich möchte aber so gern einen Hund zum Spielen haben. Einen, der kommt, wenn ich rufe. Und der…»
«Nein», sagte der Vater. «Es geht nicht.»
«Es geht wirklich nicht», sagte die Mutter.
Der Junge machte ein trauriges Gesicht und ging stumm in sein Zimmer.
«Können wir ihm wirklich keinen schenken? Er ist ziemlich einsam»,
sagte der Vater, als der Junge ins Bett gegangen war.
«Du hast doch selbst eben die Gründe genannt, warum es
nicht geht», antwortete die Mutter. Der Vater nickte.
Der Junge redete jetzt jeden Tag vom Hund, und wie schön es wäre,
wenn er ihn ausführen könnte, und wie er mit ihm spielen würde.
Die Mutter sagte jeden Tag «Nein!», aber es klang jeden Tag matter
und weniger überzeugt. Und als vier Wochen um waren, hatte er
Geburtstag.
Der Junge stand draußen vor dem Geburtstagszimmer und wartete gespannt auf das Öffnen der Tür, als er drinnen ein leises Jaulen hörte. Die Tür ging auf - und neben dem Tisch, unten auf dem Teppich, saß ein kleiner Hund. Es war ein wunderschöner Hund mit krausen, braunen Haaren.
Der Junge freute sich wie schon lange nicht mehr. Er streichelte dem Hund über den Kopf und kraulte ihn am Hals. Dem Hund schien es zu gefallen. Erst leckte er die Hand des Jungen, dann wälzte er sich auf den Rücken, streckte die Beine nach oben und biß ihm in die Hand. Aber nur ganz leicht, man merkte gleich, daß es ein Spiel war und nicht ernst gemeint. Der Junge legte sich neben ihn auf den Teppich, der Hund sprang dem Jungen auf die Brust und versuchte, dessen Gesicht abzulecken. Der Junge lachte und drehte den Kopf zur Seite.
Das reizte den Hund, es weiter zu versuchen.
«Au, du kitzelst mich!» rief der Junge lachend, sprang auf und rannte
vor dem Hund weg. Der Hund stürmte hinterher, rutschte über das
glatte Parkett, schlitterte gegen den Sessel und blieb verdutzt sitzen.
Der Junge lachte noch mehr.
«Du darfst ihm gleich was zu fressen geben», sagte die Mutter. Sie
machten eine Dose Hundenahrung auf, schütteten den Inhalt in den
neugekauften Freßnapf und schauten begeistert zu, wie er ein paar
Bissen davon fraß.
Der Junge war glücklich.
«Vielen, vielen Dank! Es ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk», sagte er und gab seinem Vater und seiner Mutter einen Kuß.
«Jetzt habe ich wenigstens jemanden, mit dem ich spielen kann. Jetzt ist’s mir nie mehr langweilig.“
Durch den Hund hatte der Junge nun eine ganze Menge neuer Pflichten.