Sehr häufig begegnen uns Fälle von Tierquälereien, in die Jugendliche verwickelt sind. Leider wird Tiermissbrauch nur allzu oft als Kinderstreich oder Kavaliersdelikt angesehen. Es ist jedoch gefährlich, nicht einzugreifen und Statistiken zu ignorieren, die belegen, dass sich Kinder, die Tiere verletzen, auf einem gefährlichen Weg befinden.

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Annegret Noble
In einem Interview für Eltern & Lehrer erzählt Annegret Noble, Psychologin und Familientherapeutin, sowie Drogenberaterin über ihre Erfahrungen zum Thema 'Tierquälerei'.
Vielleicht kennen Sie Annegret Noble aus der Serie 'Teenager außer Kontrolle'.
Liebe Frau Noble,
haben Sie bisher Erfahrungen mit jugendlichen Gewalttätern gemacht, die im Vorfeld Tiere misshandelt haben und falls ja, welche?Viele der jugendlichen Gewalttäter, mit denen ich arbeite, haben im Vorfeld Tiere misshandelt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass alle Kinder, die Tiere misshandelt haben automatisch zu Gewalttätern werden. Manchmal hat den Jugendlichen einfach niemand beigebracht, dass Tiere Schmerz empfinden, oder Gewalt ist für sie so sehr Teil ihres täglichen Lebens, dass sie sich eine Beziehung ohne Gewalt gar nicht vorstellen können. In diesen Fällen hilft es, den Jugendlichen diese Perspektiven zu erschließen und gemeinsam mit ihnen Alternativen zu erarbeiten.
Allerdings ist Tierquälerei auch einer der diagnostischen Hinweise auf antisoziale Persönlichkeitsstörung – zusammen mit Brandstiftung und Bettnässen. In diesem Fall wäre Tierquälerei ein Hinweis auf sehr ernst zu nehmende tieferliegende Probleme. Diese Jugendlichen zeigen oft eine allgemein hohe Gewaltbereitschaft und sehen Gewalt oft als den einzigen Weg, Konflikte anzugehen und Probleme zu lösen. Diese Jugendliche sehen Gewalt nicht als falsch oder schädlich an, sondern als gerechtfertigten Weg, ihre Ziele zu erreichen. Dies sind oft die Jugendlichen, die schon ausgiebigen Kontakt mit dem Rechtssystem hatten.
Leider ist es für sie nicht immer möglich, das Einfühlungsvermögen, das ihnen komplett zu fehlen scheint, nachträglich zu entwickeln. Sie sind oft nur durch starke negative Konsequenzen zu motivieren; Beziehungen sind für diese Jugendlichen zweitrangig. Solange es ihnen gut geht, ist es ihnen ziemlich egal, wie es anderen Menschen – oder Tieren - geht.

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Wie wichtig sehen Sie Tierschutzerziehung und die Aufklärung von Kindern/Jugendlichen über Tiere als schmerzempfindliche Lebewesen, denen man mit Respekt und Achtung begegnen sollte?
Aufklärung und Information werden vor allem den Kindern helfen, die ohnehin ein gewisses Einfühlungsvermögen haben und schnell verstehen, dass Tiere schmerzempfindliche Lebewesen sind. Kinder mit hoher Gewaltbereitschaft, die regelmäßig Tiere quälen, wird Tierschutzerziehung wahrscheinlich nicht wirklich ansprechen.
In welcher Weise sehen Sie die Verharmlosung von Tierquälerei im Kindesalter als entwicklungsschädlich?
Manchmal sind Kinder einfach nur neugierig und wollen wissen, was passiert, wenn man einer Katze am Schwanz zieht. Spätestens wenn sie dann gekratzt werden, ist diese Neugier befriedigt und der Schmerz des Gekratztwerdens führt in der Regel dazu, dass sie es nicht noch einmal versuchen müssen. Wenn Kinder trotz negativer Konsequenzen weiterhin Tiere quälen, dann kann es sich um ein tieferliegendes Problem handeln. Oft sucht das Kind dabei einen Weg, Macht auszuüben, weil es sich in anderen Bereichen seines Lebens hilflos fühlt. Wenn diese Kinder andere Wege finden, Macht auszuüben und für sie bedeutsame Entscheidungen zu treffen, ist es ihnen weniger wichtig, Tiere zu ärgern oder zu unterdrücken. Wenn das Kind die Möglichkeit hat, in gewissen Massen sein Leben selbst zu bestimmen und trotzdem weiterhin Tiere quält, dann kann dies ein Anzeichen von weiterreichendem antisozialem Verhalten sein. Je früher dann eingegriffen werden kann, desto besser die Prognose.
Wie sollten Eltern oder Pädagogen reagieren, wenn ein Kind/ein Jugendlicher Tiere quält?Es ist wichtig, nachzufragen, ob das Kind sich vorstellen kann, wie sich das Tier fühlt. Sehr junge Kinder und Kinder mit Bindungsstörungen haben oft Schwierigkeiten, angemessen mit Tieren umzugehen.
Ich erinnere mich an einen dreizehnjährigen Jungen, der unseren Ziegenbock gegen den Zaun gedrückt hatte und mit einem Stein auf ihn einschlug. Ein Betreuer nahm einen kleinen Stein und warf ihn in die Richtung des Jungen. Der Stein traf den Jungen leicht am Arm. Der Junge drehte sich empört um und konnte keinen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und dem Stein sehen. Auf Fragen, wie der Ziegenbock das Ganze wohl empfunden haben könnte, hatte er keine Antwort. "Wenn jemand das mit dir machen würde, glaubst du nicht, dass das weh tun könnte?" "Schon, aber das ist doch nur eine Ziege." Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Ziege Schmerz empfinden könnte.
Empathie, die Fähigkeit, eine Situation von der Perspektive eines anderen zu sehen und dessen Gefühle nachzuvollziehen, ist eine gelernte Fähigkeit. Eltern und Pädagogen sollten Kindern dabei helfen, Empathie zu entwickeln, indem sie ihnen immer wieder Fragen stellen, die Kinder dazu bringen, sich Gedanken über die Gefühle anderer zu machen. Dazu gehören nicht nur Menschen sondern eben auch Tiere.

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Viele Experten sind der Ansicht, dass Sozialarbeiter, Tierschutzbeauftragte und die Polizei stärker zusammenarbeiten sollten, da einerseits Kinder, die Tiere quälen, häufig selbst Opfer von Gewalt sind und andererseits Tierquälerei als Vorzeichen gelten kann. Wie stehen Sie dazu?
Wenn Kinder sich nicht gegen Gewalttäter wehren können, suchen sie einen Schwächeren, der sich nicht wehren kann, wenn sie Gewalt ausüben. Oft sind das Tiere. Wenn Kinder gezielt und wiederholt Tiere quälen, wäre es hilfreich, wenn Sozialarbeiter, Tierschutzbeauftragte und Polizei miteinander kommunizierten, um diesen Kindern zu helfen. Entweder, um sie vor weiterer Gewalt zu bewahren und oder, um ihnen zu helfen, bevor sich die gewalttätigen Verhaltensmuster festigen.